Preisgekröntes Gedicht bei Literaturpodium 2016 (in Anthologie: "Im falschen Abteil", Dorante Berlin 2017)

 

Das Haus

 

 

Über knarrende Dielen

 

huschen heimliche Liebschaften,

 

im Gebälk

 

stöhnen verletzte Seelen,

 

hinter quitschenden Türen

 

klagen Gequälte,

 

heimliches Lachen tönt

 

aus winddurchwehten Zimmern.

 

 

 

Mit schwindender Kraft

 

röchelt das Haus,

 

raunt mit letzter Luft,

 

um nicht aus der Zeit zu fallen.

 

 

 

Noch kann man sie erahnen,

 

die alten Geschichten,

 

unter Staub und Schutt verschüttet,

 

von morschen Balken zerschlagen,

 

aus zerbrochenen Fenstern verweht,

 

durch geborstene Türen entschlüpft,

 

von zerbrochenen Ziegeln zermalmt,

 

an feuchten Wänden verschimmelt.

 

 

 

Morgen Tand vergangener Zeit,

 

nichts mehr preisgegeben,

 

für immer dahin.

 

 

Nach der Wahl

 

Wenns´d

vo dein vadder ä million

gerbd hossd,

ä boor bleidn

hiigleechd hossd,

kanne schdeuern zoohlsd,

di leid bedrügsd,

und di dann als

erfolgreicher gschädsmann

verkaffsd

 

und

 

kann andern geldn lässd,

andere beschimbfsd,

ka andword

aff irgendä frooch

gehm konnsd,

frauen grundsädzli

als sexobjegd ooschausd,

sauordinär bissd,

jeden beleidigsd,

der dir ned bassd,

vuhr allem obber

läichsd wäi di sau

 

dann

 

derfsd in ameriga

drodzdem odder desweeng,

a wennsd odder weilsd

vo bolidig

keine ohnung hossd,

bräsidend wern.

 

Wäi sachd mer dou

In frangn:

Den langerdi

ja ned ämool

midder beiszanger oo.

 

Obber

 

sugoor in Michigan

hommsnern gwähld,

obwohls dou

ordschafdn gibbd, däi

Frankenmut

Frankentrost

Frankenlust

und Frankenhilf

hassn.

Haikus, veröffentlich in:

 

Bei aller Liebe . . .

 

herausgegeben von Ingo Cesaro.

Neue Cranach Presse Kronach. Kronach 2016

 

Die Scheiben hinab

rinnt der Regen beständig.

Macht mir die Welt trist.

 

Vorsichtig und zart

geben Knospen im Frühling

mir neue Hoffnung.

 

Flüchtlinge suchen

Hilfe, Trost im reichen Land.

Finden Angst und Hass.

 

Reiche bleiben reich,

weil Arme ärmer werden.

Ohnmacht macht sich breit.

 

Literarisches regelmäßig in:


http://www.fuerther-freiheit.info/

1. Preis

beim 1. Fränkischen Literaturpreis: fränkisch - frech - frei

 

am 15.10.2016 in Sonnefeld-Gestungshausen

Iatros Verlag und Coburger Autorengruppe Schreibsand

 

für die Kurzgeschichte:

Bescherung am Heiligen Abend oder die gute Tat des Georg Galster

Der Nürnberger Busfahrer Georg Galster hatte seinen Dienst am Heiligen Abend beendet. Schon während seiner Frühschicht hatte es ihn heftig gedürstet, gleichzeitig bemerkte er an einem ersten Kratzen im Hals, gelegentlichen Hustenanfällen und vermehrtem Verbrauch von Papiertaschentüchern, dass eine Erkältung, wenn nicht gar eine Lungenentzündung herannahte. Seine Laune sank deshalb im Laufe des Tages bedenklich, so dass er – heftig nach Dienstschluss strebend – Haltestellen überfuhr, an denen nicht eindeutig genug ein wartender Passagier auszumachen war. Gelegentlich dem Bus hinterherhechelnde Personen quittierte er – in den Rückspiegel blickend – mit einem finsteren Lächeln. Überhaupt gingen ihm diese bepackten Menschen mit ihren gehetzten Gesichter in seinem Bus unglaublich auf den Nerv, so dass er sich mehrmals veranlasst sah, in sein Mikrophon: „Machens doch die Tür frei, dou kummd ja kanner naus und nei!“ zu brüllen. Am liebsten hätte er „Scheiß Weihnachten“ gesagt, besonders wenn er an die bevorstehende Bescherung im Familienkreis dachte. Er hasste Kartoffelsalat, vor allem aber Wiener Würstchen und er hasste dieses Gesinge vor dem Weihnachtsbaum mit Frau und seinen beiden Kinder und ansonsten freute er sich nicht im geringsten an weiteren Krawatten, Schals oder irgendwelchen CDs, die seine Frau eher wohl für sich kaufte. Direkt ein Horror aber war ihm der stundenlang drohende Anblick seiner Schwiegermutter, die mit ihrer süßlichen Stimme auf seinen beiden Kindern herumtätschelte, ihn mit abschätzenden Blicken musterte und seiner Frau vielsagende Blicke zuwarf, wenn das Gespräch in irgendeiner Weise auf seine Person kam.

Georg Galster war also von echter Weihnachtsstimmung erfüllt, als er nach Beendigung seines Dienstes über die Museumsbrücke eher unwillig dem trauten Familiennest in der Sebalder Altstadt zustrebte.

Er machte sich schon innerlich bereit, sich mittels Ellenbogenhilfe durch den Christkindlesmarkt zu quetschen, da gewahrte er auf der Museumbrücke ein Schild: „Glüh-Alm. Bis Heilig Abend täglich open end.“ Georg Galster war ein verantwortungsvoller Mann. Er wollte nicht als Kranker nach Hause kommen und seinen Familienmitgliedern als Bazillenschleuder begegnen. Folgerichtig strebte er festes Schrittes diesem gesundheitsfördernden Etablissement zu, um seine kränkliche Konstitution mit heißen Getränken zu stählen. Mit Befriedigung bemerkte er schon beim Öffnen der Tür, dass dieser Ort zu seiner Gesundung unbedingt beitragen konnte, befand man sich doch in gehobener Stimmung. Einige Damen und Herrn tanzten zu „Hey, wir wollen die Eisbärn sehn´“, wobei fast alle den Refrain mitgrölten oder zumindest mit ho ho einstimmten, da sie sich den Refrain offensichtlich nicht mehr merken konnten. Georg Galster drängte sich durch die ausschließlich gut gelaunten Gäste bis zur voll besetzten Theke durch, an denen fast nur Männer lehnten. Als aus den Lautsprechern: „Du hast den schönsten Arsch der Welt“ dröhnte, steigerte sich Georg Galsters Weihnachtsstimmung gewaltig, war es doch eines seiner Lieblingslieder.

Georg Galster quetschte sich zwischen zwei Männern an der Theke. „Na, Na“, brummte der rechte Nachbar. „Nix für ungut“. Georg Galster wollte keinen Streit. „Ja, suwoos, der Gerch!“, tönte es zurück. Tatsächlich, da stand doch der Kollege Fritz Wehner, der in Fürth wohnte und mit dem er sich ab und an im „Grünen Automaten“ in Fürth traf. „Wäi kummsdn du douher?“ fragte er folgerichtig. „No, ich hobb nu ä boor Weihnachdsgschenge eikaafn mäin und no binni schnell dourei, weil´s mi gfruhrn hodd.“ Georg Galsters Stimmung hob sich erneut. Zu zweit konnte man doch angenehmer gegen Krankheiten ankämpfen. Geteiltes Leid sozusagen. Außerdem war er ein kommunikativer Mensch. „Der nächsde Glühers gäih aff mei Rechnung. Iich hobb obber ned lang Zeid. Iich mou hamm zur Bescherung.“ kündigte Georg an.

Die Beschaulichkeit des Lokals, die heimelige Atmosphäre und nicht zuletzt das weihnachtliche Liedgut hielten die beiden Freunde jedoch länger gefangen, als sie sich vorgenommen hatten. Nachdem sie inzwischen sechs Glühwein konsumiert hatten, welche sie mit der entsprechenden Anzahl von Willis garniert hatten, um einer Magenverstimmung wegen des süßen Zeugs vorzubeugen, schaltete Georg Galster sein Handy aus, weil ihn dieses mit penetrantem Klingeln aus seiner Weihnachtsstimmung zu reißen versucht hatte. „Däi wern schon nu ä bissler wardn kenner.“, bemerkte er zu seinem glühweinseligen Kumpel.

„Feliz navidad.“ tönte es. Der linke Nachbar von Georg Galster sang mit voller Stimme mit: „Feliz Navidad , Feliz Navidad, Feliz Navidad, Prospero Ano y Felicidad.“ „No, du konnsd obber goad italienisch“, sagte Georg bewundernd. „Nicht italienisch, spanisch“, korrigierte der Sänger. „Bin Ramos. Spanier. Aus Barcelona.“ „Ach su. Sooch ämool. Feierd ihr an Weihnachdn su wäi mir? Als Familienfesd?“ Ramos, glücklich zwei solch interessierte Gesprächspartner gefunden zu haben, begann ausführlich über die spanischen Weihnachtsbräuche zu erzählen und befeuerte dabei seinen Gesprächsfluss und die Zuhörbereitschaft der Kumpane mit weiteren Glühwein/Willi Einheiten.

Schließlich kamen die drei Freunde überein, dass es nun doch an der Zeit sei, die vorbescherliche Feier aufzuheben. Ramos hatte es damit nicht allzu eilig, da seine Frau sowieso in Barcelona saß und er erst am nächsten Tag dorthin fliegen wollte. Die drei neuen Freunde hakten sich also gegenseitig unter und verließen beseligt die Lokalität, wobei sie sich noch beim Absingen des tiefgründigen Stücks: „Wir wolln die Möpse sehn´“ beteiligten. Auf der Straße trat eine gewisse Ernüchterung ein: Es war kalt und fing an zu schneien. „Edz is ä richtigs Weihnachdswedder“, bemerkte Fritz. „Iich glaab, edz moui doch langsam hamm.“ Er verabschiedete sich an der Museumsbrücke und strebte der U-Bahnstation Lorenzkirche zu.

„Eigendli moui aa hamm.“ meinte Georg mit schwerer Zunge. Offensichtlich vertrugen sich die Getränkeeinheiten nicht mit der frischen Luft. „Wir können gehen miteinander“, schlug Ramos vor. Also schwankten die beiden Rauschengel Richtung Hauptmarkt, um der Sebalder Altstadt zuzustreben. Leider hatte ihnen das Winterwetter so zugesetzt, dass sie am Glühweinstand der Altstadtfreunde nicht vorbeikamen. „Ä Absagger gäihd scho nu,“ schlug Georg Galster vor und lud seien neuen Freund auf einen Erwärmungstrunk ein – was nicht ohne Gegeneinladung blieb. Schließlich bemerkte Ramos: „Wartet nicht Familie?“ und Georg Galster besann sich darauf, dass er ja noch gewisse Heilig-Abendpflichten zu erledigen hatte. „Gemmer. Däi wern eh scho sauer sei.“ Die beiden verließen nun nicht mehr ganz so beschwingt den Christkindlesmarkt und suchten möglichst Karambolagen mit Passanten, Laternen, Papierkörben und sonstigen Hindernissen zu vermeiden. „Ich wass ned, iich glaab, iich wer doch krank. Mir is scho ganz schwindli.“ meinte Georg Galster und fasste seinen neuen Freund fester am Arm. „Obber edz simmer ja glei derhamm.“ Man hatte inzwischen die Schildgasse erreicht, wo Georg Galster im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses wohnte.

Dort quengelten die Galsterschen Kinder schon seit geraumer Zeit: „Wo bleibt denn der Babba? Wann issnern Bescherung?“ Kartoffelsalat und Würstchen hatte man schon verzehrt und dem Papa eine Portion aufgehoben. „Wenn nur nichts passiert ist.“ meinte Frau Galster zu ihrer Mutter. „Des konni dir scho ssonng, woss dou bassierd is. Dess kennermer scho.“ antwortete die giftig. Frau Galster seufzte. Auch ihre Erfahrungen waren ähnlich gelagert. Sie stand auf und schaute zum Fenster hinaus. „Ich glaab, edz kummder! Oh waia!“ Auch die Schwiegermutter gesellte sich ans Fenster. „Dou hossders widder. Immer desselbe. Bsuffn. Allmächd, der hodd ja nun an derbei!“

Georg Galster stand vor der Haustür und sah Ramos traurig an. Er wurde von weihnachtlicher Sentimentalität übermannt und fiel seinem neuen Freund weinend um den Hals. „Dassi iich dich kennerglernd hobb, is mei scheensdes Weihnachdsgschengg!“ Er drückte Ramos an seine Brust. „Wassd woss. Du hossd doch kann. Du bisd doch ganz allans!“. Georg Galster schniefte ob dieses Unglücks tief auf. Und heiligabendliches Gutmenschentum griff von im Besitz. „Du gäihsd edz miid zu mir. Damid du aa ä Weihnachdn hossd. Dou werdsi mei Familie freier, wenni suern neddn Gasd miidbring.“ Und schon schleppten sich Georg und Ramos die Treppe hinauf, die Arme gegenseitig um die Schultern gelegt und darauf achtend, das Gleichgewicht nicht durch asynchrone Fußbewegungen zu gefährden.

An der Wohnungstüre standen bereits Frau, Kinder und Schwiegermutter. „Edz is der Babba dou. Edz kennermer bescheern!“ rief der kleine Kevin begeistert.

„Das ist der Ramos.“ Angesichts gewisser Ausspracheschwierigkeiten sprach Georg langsam und deutlich. „Schdelld eich vor. Der is heute ganz allaans. Am Heiligen Abend! Ganz allaans.“ Er wischte sich über die Augen. „Darum hab ich ihn miidgnummer, damid er bei uns miidfeiern konn. An Weihnachdn soll mer ned nur an sich selber dengn.“ Und schon zerrte er Ramos, dem das Ganze nun doch spanisch vorkam, in den Flur hinein. Die Ehefrau hatte ob dieser guten Tat Tränen der Rührung in den Augen, während die Schwiegermutter zu ihrer Tochter giftete: „Edz bringder am heilign Ohmd a nu seine Saufkumbaner miid. No frohe Weihnachdn!“

 

Die Kurzgeschichte "Der O-Krieg" erreichte beim 4. Landschreiber-Wettbewerb des Instituts für Sondersprachen einen 3. Platz, verbunden mit einer Woche Schreibwerksatt auf einer Frieschen Insel.

 

Der O-Krieg

Das O konnte und wollte es nicht länger dulden. In seiner elementaren Existenz unter den Buchstaben negiert und unter der Mittelmäßigkeit seines Platzes leidend, hatten sich Ärger und Wut bei ihm zu einem Komplex entwickelt.

Niemand - so brodelte es in ihm - erkannte seine wahre Bedeutung, niemand erwies ihm die ihm zustehende Achtung. War es nicht schon äußerlich der perfekteste aller Buchstaben - beinahe ein Kreis? Ein Kreis, bei dem End- und Anfangspunkt in der Unendlichkeit zusammenfallen, das christliche Omega, ein Symbol des ewigen Werdens und Vergehens? Waren nicht schon seine perfekte Form, seine wohlbeleibte Harmonie, die Ausgewogenheit von Umfang und Fläche Faktoren, die es weit über alle anderen Buchstaben erhoben? Mit welcher Begründung beanspruchte das eckige, ungelenke A die erste Stelle in der Folge der Buchstaben? Es war geradezu peinlich, zwischen dem staksigen N und dem unentschiedenen P, einer Missgeburt aus gerader Linie und nachgeäfftem halben O, stehen zu müssen: zur Mittelmäßigkeit zwischen unbedeutenden Subjekten verdammt.

Und hatte es nicht unter den Vokalen die erste Stelle zu beanspruchen – über die klanglosen Konsonanten lohnte es sich nicht, überhaupt ein Wort zu verlieren. Gab das O nicht Wörtern wie Pharao oder Tenno ihre herrschaftliche Berechtigung? Und hatte es nicht im Laufe der Jahrhunderte das Wirtschaftsleben geprägt von Giro bis zum Euro? War es nicht der geistige Katalysator in Begriffen wie Philosophie, Logik, Theologie, ja selbst Gott war ohne seine Mitwirkung nicht zu denken. Ja, gäbe es nicht ein Ohr, wäre die menschliche Kommunikation unmöglich.

Solche Gedanken gingen dem O nicht mehr aus dem Kopf. Die Minderbeachtung seiner semantischen und phonetischen Bedeutung wurden ihm mehr und mehr zu einer Zwangsvorstellung, ließen es in manisch-depressive Zustände verfallen. Verstärkt wurde diese Obsession dadurch, dass das O auf mundartlich gebrauchte Wörter zu achten begann, die offensichtlich seiner unterdrückten Wichtigkeit eine eigene, wenn auch unbewusste, Wertschätzung entgegenstellten. Sprach man im Fränkischen nicht von „Mo“ statt „Mann“, sagte man nicht „do“ statt „da“, „ich konn“ statt ich „ich kann“? Noch offensichtlicher war dies im Niederbayerischen, man konnte es sogar auf politischer Bühne vielfach bemerken: Das a als Inlaut wurde beinahe in allen Wörtern durch das o ersetzt. Und so war es für das O beinahe eine Offenbarung, als es die Rede eines niederbayerischen Politikers zu Ohren bekam: „Natürlich dauern die Osylverfahren zu longe“, sagte dieser. „Nach drei Monaten müssten die Fölle entschieden sein. Das Personol beim Bundesomt für Migration reicht aber bei Weitem nicht aus, um dieses Ziel zu erreichen. Do wird an der folschen Stelle gesport.“

Und da das O über einen analytischen Verstand verfügte, blieb nur der einzige Schluss, dass es das A war, das unberechtigterweise eine Stellung besaß, die ihm nicht gebührte. So beschloss das O diesem unhaltbaren Zustand ein Ende zu setzen. Da es außerdem impulsiv veranlagt war, verfasste es, ohne sich durch Absprachen mit anderen Buchstaben abzusichern, eine Resolution. In dieser legte es unter Anfügung semantischer, etymologischer, sprachhistorischer und metaanalytischer Beweise dar, in welcher Weise seine Bedeutung verkannt und seine Stellung durch das A missachtet wurde. Die Resolution gipfelte in folgenden Forderungen:

1.    Das A hat sowohl als Anlaut als auch als Inlaut ohne Berechtigung Wörter besetzt. Diese willkürliche Okkupation muss rückgängig gemacht werden. Das O legt als Anlage eine Liste solcher Wörter vor und fordert, die entsprechenden As durch Os zu ersetzen.

2.    Die Stellung des A an erster Stelle des Alphabets ist ebenso unbegründet wie falsch und stellt eine Diskriminierung des O dar, welche seine wahre Bedeutung negiert. Das A ist deshalb mit dem O zu vertauschen.

Mit dieser Resolution löste das O unter den Buchstaben einen Sturm der Entrüstung aus. Der VdVB , der „Verband der vereinigten Buchstaben“, von dem man allerdings jahrelang nichts mehr vernommen hatte, wurde wiederbelebt und lehnte die Forderungen des O in Bausch und Bogen ab. Er forderte das O unmissverständlich auf, von seinen, wie er schrieb „üblen, völlig unbegründeten, partikularistischen und imperialistischen Forderungen für alle Zeiten ausdrücklich Abstand zu nehmen“. Gleichzeitig rief er zur Einheit unter den Buchstaben auf und appellierte an die vokalistischen Großmächte E, I und U mit all ihren Möglichkeiten einzuschreiten. Dieses dringende Ansuchen war umso notwendiger, als sich die Vokale bisher mehr durch gegenseitige Sticheleien und eher durch Arroganz gegenüber den minderen mitlautenden Brüdern und Schwestern hervorgetan hatten denn durch Solidarität oder ausgleichende Politik.

Und so war es nicht erstaunlich, dass die Reaktion der Vokale in der Tendenz zwar ablehnend, in der Konsequenz aber unentschieden und in der Diktion durchaus unterschiedlich ausfiel. Am schärfsten reagierte das puristische I, das für seine undiplomatische Art und Neigung zu starken Worten berühmt und berüchtigt war. Unter anderem hieß es in seiner Entgegnung – und dies lag nun wirklich unter der Gürtellinie - „Es stünde dem vollgefressenen O besser an, sich eher zu verschlanken, als sich weiter aufzublähen, da sonst die Gefahr besteht, dass es platzt und ganz verschwindet, was im Übrigen kein Unglück wäre.“ Das U antwortete etwas diplomatischer: „Mit Verwunderung habe ich den Unmut des O vernommen sich auf unangemessene Wortumfangsberücksichtigung und ungerechte Unterdrückung berufend. Es ist mir unmöglich, die Unterstellungen des O zu unterstützen und rufe dieses unumwunden auf, die buchstäbliche Ruhe nicht unbedacht zu untergraben und alle Ursurpationsabsichten zu unterlassen.“ Das E wiederum reagierte gar nicht. Es stand auf Grund seiner Stellung als häufigst gebrauchter Buchstabe erhaben über den Ambitionen kleinkarierter Karriereristen. Interessanterweise reagierte das am meisten betroffene A, das für seine satirische Ader bekannt war, nur in folgender Kurzform: „arrogant, albern, abstrus, abartig.“

 

Damit schien das Ansinnen des O aussichtslos. Dieses jedoch dachte nicht daran, sich zufrieden zu geben und beschloss, mit terroristischen Mitteln seiner Sache Nachdruck zu verleihen. Dazu bedurfte es aber Helfershelfern. Und so begann das O konspirative Gespräche mit Konsonanten auf bialphabetischer Ebene zu führen und zwar mit solchen, die schon durch ihr Aussehen die Verwandtschaft zum O nicht verleugnen konnten, auch wenn sie vom O bisher nur geringschätzig betrachtet und ebenso behandelt worden waren. Es trat an B, D, C, G, S, P, und Q heran mit dem Ziel, es bei seinem Kampf gegen das A zu unterstützen. Es versprach ihnen, im Zuge der eigenen Bedeutungszunahme auch ihre Stellung zu verstärken, indem es z.B. die weichen gegen harten Laute wie das T oder das K auszutauschen bestrebt sein würde. Die Verhandlungen waren erfolgreich – nur das P, durch frühere Gemeinheiten des alphabetischen Nachbarn gewarnt, vermutete zu Recht, dass es wohl gegen das B ins Hintertreffen geraten würde. Das Q machte geltend, dass es durch seine zwangsläufige Verbindung mit dem U wohl in Loyalitätskonflikte kommen würde.

 

Und so kam es, dass eines schönen Tages im Miesbacher Merkur die Überschrift auftauchte:

„Dochbrond im Hallenbod“. Redakteur, Lektor und Setzer versicherten das Zustandekommen dieses Sprachverstoßes sei ihnen absolut unerklärlich. In Wirklichkeit hatten B und D mit vereinten Kräften ein erstes Mal zugeschlagen und das a zwischen ihnen hinausgedrängt und durch ein o ersetzt.

In den folgenden Monaten häuften sich in Zeitungen und Illustrierten, auf Plakaten und Anzeigen, auf Prospekten und im Internet seltsame Wortungetüme wie: „Dodort, Glommer, Fahrrod, Flochdoch, Gonsbrodn“, um nur einige wenige zu nennen.

„Wir werden es ihnen zeigen! Tod dem A!“ schrie das O siegessicher.

 

Doch ließ die Reaktion nicht lange auf sich warten. Auf Betreiben des I fand eine Sitzung des VdVB statt, zu der auch die anderen Selbstlaute eingeladen wurden – das E hielt sich weiter vornehm zurück, die Umlaute erklärten sich aus diesem Grund für befangen. Auf dieser Konferenz ging man mit den abtrünnigen Mitlauten hart ins Gericht und auf Betreiben der Vokale schloss man B, C, D, C , G und S schon zu Beginn der Sitzung vom VdVB aus. So bekamen diese auch nicht mit, was man auf dieser Konferenz beschlossen hatte. Die Mitlaute, die sich ich nicht der Revolte angeschlossen hatten, wurden ermächtigt, das O nun ihrerseits in die Zange zu nehmen und – wo immer dies möglich war – durch ein A oder U zu ersetzen. Das C sollte von K und H aus seiner Nachbarschaft entfernt werden. Damit war eine Eskalation erreicht, die zu chaotischen Verhältnissen führte. In jedem Text spielten sich nun verlustreiche Gefechte zwischen dem O und seinen Verbündeten und der Entente aus den Volkalen A, I und U und dem VdVB ab, die Kollateralschäden nahmen beachtliche Ausmaße an. So erschien ein Text, der sich unter dem Titel: „Was ist mit unseren Buchstaben los?“ mit diesem Phänomen beschäftigten wollte, in folgender Form.

 

„Wos ist mit unserer Buhsdoben los?“

Seit Wohen sind in dexden allüberall seldsome Phänumene zu beubohten. Obwuhl alle dexdshaffenden bis an den Rand der Ershöpfung an ihren Dexden feilen , gelingd es duh niht, diese in die Furm zu bringen, die das Lesen reibungslos ermöglichen. Es sheind fost, als hätten sich die Buhsduben selbsdsdändig gemoht – vor allem die Vakale scheinen einem Wehselpruzess zu unterliegen, der niht mehr zu kantrullieren ist.

 

An allen Wörterfronten wurde nun erbittert gekämpft, Pardon wurde nicht mehr gegeben. Angesichts dieses totalen Krieges beschloss das E endlich einzugreifen. Es versandte eine Resolution an alle Konfliktbeteiligten mit der Mahnung, die Gefechte zu beenden und an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Es bot sich selbst als Vermittler an, nicht ohne geflissentlich darauf hinzuweisen, dass man sich sonst zum Eingreifen gezwungen sehen könnte. Der ausgehandelte Waffenstillstand hielt gerade zwei Tage, dann begannen die Kämpfe von Neuem. Folgender Anschlag des Journalistenverbandes war daraufhin allüberall zu lesen, falls es jemandem möglich war, ihn zu entschlüsseln:

 

„Midbürgr und Midbürgrinnn, di ihr di Sproh libd und auf Dxd angwisn sid!

s shind sa, als würd unsr wichdigsds Guldurgut, di Shrifd , von unbkonndn Mähdn bis zur Ungnntnlihgid vrstümmld. Wi s shind, sind wir wider auf di mündlih Kammunikadiun und andr Furmn der Nohrihdnübrdrogung angwisn. Lossd uns disr Gfahr ins Aug blign und di shrifdlichn Übrmiddlang sprohlihr Ard insdlln!“

 

Das E hatte zu seiner schärfsten Waffe gegriffen und sich aus der gesamten Schriftsprache zurückgezogen. Damit wurde die schriftliche Kommunikation zu einem Dechiffrierungsprozess, wenn nicht sowieso unmöglich, gemacht. Die Apokalypse drohte: Das Alphabet war in Gefahr nicht mehr gebraucht zu werden und in den Abgründen der Geschichte zu versinken. Die Verbündeten des O, also B, D, C, G, S - schon vor Eingreifen des E in einer trostlosen Lage - kündigten dem O die Unterstützung auf und baten um Wiederaufnahme in den VdVB. Eine Delegation desselben machte sich auf, um die Großmacht E erneut um Vermittlung zu bitten und darum, den eigenen Boykott einzustellen.

Das E. machte kurzen Prozess: Es stellte dem O das Ultimatum, sofort alle kriegerischen Handlungen zu beenden und zu den früheren Verhältnissen zurückzukehren oder aus dem Alphabet zu verschwinden – man käme gut ohne es zurecht, seine Funktionen könnten reibungslos von den anderen Vokalen übernommen werden.

 

Dem O blieb nichts übrig als klein beizugeben. So konnte der vorstehende Kriegsbericht in der gewohnten sprachlichen Form erfulgen – Entschuldigung, erfolgen.