2018

 

April

 

Audogerechde reklame

 

(hommage a Truffaud: fahrenheit 451)

 

 

 

Is ihner scho aafgfalln, daß di schilder endlang di zubringer - wemmer nach Nämberch neifährd - wo di werbung draaf is für cola, fiern margdkauf odder fiern aldi immer länger wern? Dou mäißens ämool aafbassn. Fasd jedes joar wern di ä bisserler länger. Des konni ihner erklärn.

 

Di leid, di im audo vorbeifoarn, solln ja des lesn, wos etz dou draafstehd. Je schneller di obber foarn, desdo schlechder kennersis lesen. Drum machn´s edz die Schilder immer länger, dass mer mer zeid hodd beim vorbeifoarn und ned ungebilded bleibd.

 

 

 

Es soll edz a scho schulkinder gehm, däi, wenns ä bild von anner wiesn oder von bäum mooln solln, bloos nu griene strich mid ä boor farbiche fleggn mooln. Des kummd doher, weil mer di wiesn und di bäum beim furgbeifoarn ned verlängern konn.

 

Text März

 

Lesehunde

 

Was es nicht alles gibt! Da macht doch eine öffentliche Bücherei Reklame mit dem „Lesehund Ben.“ Nein, falsch geraten, auch der Hund kann nicht lesen. Und auch das Motto „Lies mit Ben“ ist etwas irreführend. Denn man soll auch mit dem Hund kein Leseduett bilden. Nein, der Hund hört nur zu! Er ist eben der „Lese-Therapie-Hund Ben“. Ihm können Grundschüler vorlesen, die eine Leseschwäche oder Angst vor dem Vorlesen haben. Wie heißt es doch in der Ankündigung? „Das Kind liest dem Hund vor, der geduldig zuhört, nicht unterbricht und keinerlei Kritik übt.“ Wie die Zuhörer bei einer Lesung. Kein Wunder, er versteht ja auch nichts und ist froh, wenn er in Ruhe gelassen wird. Nur muss man ihn wahrscheinlich vorher füttern und Gassi führen, damit er nicht unruhig wird. Und bellt. Denn dann ist natürlich vorbei, dass – wie heißt es da so schön – „Ängste und Hemmungen abgebaut“ werden. Denn da meint das Kind vielleicht, der Hund belle, weil ihm das Lesen nicht gefallen hat. Oder noch schlimmer. Er knurrt und winselt. Oder er dreht sich ab. Welch´ Schaden würde da die arme Kinderseele erleiden! Ein Leben lang würde das Kind nicht mehr lesen und wahrscheinlich jeden Hund treten, der ihm begegnet.  Ob damit ein Geschäft zu machen ist? Ich könnte ja mit meinem Dackel einmal vorsprechen, bzw. vorhören. Ob sie ihn dann nehmen? Ein bisschen skeptisch bin ich schon, denn die Besitzerin des Lesehund Ben ist eine „Pädagogische Fachkraft“ – bin ich das? Aber wenn das Voraussetzung ist? Kann man ja verstehen, mit unpädagogischen Hunden möchte niemand zu tun haben. Siehe die erwähnten furchtbaren Folgen.

 

Was aber auch zu bedenken wäre, ist, dass manche Kinder vielleicht gar keinem Hund vorlesen wollen, weil sei Hunde nicht leiden können oder sogar Angst vor ihnen haben. Die würde eventuell lieber der Lesekatze Muschi, dem Lesehamster Goldi, der Lesemaus Flitzi oder – was völlig problemlos wäre – dem Lesefisch Blubbs vorlesen. Ich habe mir schon überlegt, ob ich nicht einen Lesezoo aufmachen soll, das könnte eine Investition in die Zukunft sein. Ich würde dann mit dem Lesezoo über Land fahren, von Bücherei zu Bücherei, und alle Kinder von Legasthenie und Vorleseangst heilen und bekäme irgendwann das Bundesverdienstkreuz. Oder ich fange erst einmal klein an, und biete die Plüschtiere meiner Kinder als Lesetiere an – das würde natürlich jede Menge Unkosten sparen. Man darf natürlich nicht darauf hinweisen, dass es die Redensart gibt: „Ich lese gegen die Wand.“ Oder so ähnlich.

 

Text Februar

 

Angst

 

Die Hände

 

vor den Augen,

 

die Ohren verschlossen,

 

auf das Rauschen

 

des eigenen Blutes

 

lauschend,

 

schotten sie sich ab,

 

von Gesetzen geschützt,

 

mit Stacheldraht bewehrt.

 

 

 

Eingegraben

 

in eigenen Vorurteilen,

 

unzugänglich

 

für fremdes Leid

 

vertreibt die Angst

 

Mitgefühl und Menschlichkeit.

 

Text Januar

 

Minimal 5

 

Spielplatz

 

Schaukel

 

Kind

 

Schrei

 

Mutter

 

Tränen

 

BRK

 

Krankenhaus

 

 

2017

 

Text Dezember

 

Genderkorrektheit beim Krippenspiel

 

So ein Krippenspiel ist an Weihnachten doch immer etwas Erbauliches. Es erinnert uns daran, was denn der eigentliche Sinn des Weihnachtsfestes ist oder sein sollte. Und wenn es auch noch von kindlichen Laiendarstellern mit piepsichen Stimmen und ängstlichen Blicken vorgetragen wird - oh wie süß! Eine Aufführung, die den in Scharen in der Kirche anwesenden Eltern, Großeltern und sonstigen Anverwandten die Tränen der Rührung in die Augen treibt.

 

Dies war schon immer so und kann auch so bleiben. Allerdings muss man offensichtlich dabei auch mit der Zeit gehen und so konnte ich dieses Jahr einem Krippenspiel in der Kirche beiwohnen, bei dem sich die kommentierende Pastorin bemüßigt fühlte, zu politischer Correctness beitragen zu müssen. So waren also nicht mehr Hirten bei ihrer Herde, sondern Hirten und Hirtinnen. Aus der Bibel geht dies allerdings nicht unmittelbar hervor, aber sei´s drum. 

 

Allerdings habe ich mich dann doch als männliches Wesen diskriminiert und in meinem weihnachtlichen Gleichberechtigungssinn stark verletzt gefühlt. Es kamen nämlich in diesem Stück neben den Hirten und Hirtinnen auch Räuber vor, beileibe aber keine Räuberinnen. Diese Räuber hatten sich dann auch noch als Wölfe verkleidet. Ich wartete gespannt auf die Räuberinnen und die Wölfinnen – nichts. Keine kamen vor. Noch dazu handelte es sich bei den Räuberwölfen um zwei Darstellerinnen! Wahrscheinlich wäre es auch bei dem unsympathischen Wirt geblieben, der eine Herberge verweigerte - wenn er denn erwähnt worden wäre, und die Wirtin wäre außen vor gewesen. Es kam mir ein schrecklicher, weil unchristlicher Verdacht auf: Sollte man aus feministischen Gründen nur die positiv besetzten Charaktere auch mit ihrem weiblichen Pendant bezeichnet haben und für die eher finsteren Charaktere ausschließlich die männlichen Bezeichnungen vorbehalten haben? Aber was war mit den Engeln? Erstaunlicherweise blieben diese während der ganzen Aufführung männlich – von Engelinnen war nicht die Rede. Wenn schon, denn schon hätte ich mir gedacht. Aber vielleicht war dies auch der Dramaturgie des Krippenspiels geschuldet, denn die Engel hatten mindestens zwanzigmal die Sätze zu sagen: „Ich bin ein Engel. Wir sind die Engel.“ Da hätte es sich schon seltsam angehört und den Sprachfluss erheblich gestört, hätte die Darsteller sagen müssen. „Ich bin ein Engel. Ich bin eine Engelin. Wie sind die Engel. Wir sind die Engelinnen.“ Außerdem hätte dies das Krippenspiel doch sehr in die Länge gezogen und die armen Kinder hätten sich noch mehr Text merken müssen. Vielleicht hätten betagtere Zuhörer dann auch noch verstanden: „Wir sind die Enkelinnen.“ Und hätten die ganze Vorführung darüber gegrübelt, wessen Enkelinnen dies wohl seien. Aber so weit hergeholt ist dies mit den Engelinnen denn doch nicht. Vermeldet doch die Maria-Ward-Schule in Eichstätt anlässlich ihres Nikolausbesuchs: „Begleitet war der Nikolaus von den „Engeln und Engelinnen“, denn zum ersten Mal waren mit den Mädchen auch einige Jungen gekommen.“ Wobei mir jetzt der Sinn der Erklärung nicht unbedingt logisch erscheint.

 

Jedenfalls habe ich das Krippenspiel in der Kirche dann doch mit der nötigen Ergriffenheit und Weihnachtsfreude betrachtet. Allerdings hätte mich doch brennend interessiert, wie man mit dem Besuch der Könige und Königinnen umgehen hätte wollen und noch interessanter wäre es doch für „die drei Weisen aus dem Morgenland“ die gendermäßig korrekte Form zu finden. „Weisinnen“ gibt es ja denn doch nicht und „weis(ß)e Frauen“ führen wohl eher zu Missverständnissen.

 

Text September:

 

Angst

 

 

 

Die Augen

 

zugekniffen,

 

Hände auf die Ohren

 

gepresst,

 

auf das Rauschen

 

des eigenen Blutes

 

lauschend,

 

schotten sie sich ab,

 

von Gesetzen geschützt,

 

mit Stacheldraht bewehrt.

 

 

 

Eingegraben

 

in eigenen Vorurteilen,

 

unzugänglich

 

für fremdes Leid

 

vertreibt die Angst

 

Mitgefühl und Menschlichkeit.

 

 

Text Juli

 

Warum wir Ungarn lieben

 

 

Gulasch, Letscho,

 

Tokaier, Debreciner,

 

Kolbasch, Palinka

 

 

 

Donau, Puszta,

 

Stefansdom, Heldenplatz,

 

Balaton, Szeged

 

 

Franz Liszt, Béla Bartók,

 

Péter Esterhácy, Ödon von Horvath,

 

Franz Lehár, Marika Rökk

 

 

Viktor Orbán?

 

 

 

Text Juni

 

Ein Hund bellt

 

 

Der Hund gibt Laut. Das heißt er bellt. Er bellt laut. Er gibt einen bellenden Laut von sich. Wie laut ist Geschmackssache. Oder eine Sache der Empfindlichkeit. Manche sind sehr empfindlich. Sie empfinden etwas laut, was andere nur beiläufig bemerken. Immerhin bemerken manche es, empfinden es aber nicht, weil es für sie ohne Belang ist. Es sei denn, den Laut würden sie so empfinden, dass er sie unmittelbar beträfe, er gelte ihnen, ohne dass sie ihn deshalb gleich als laut einschätzen müssten.

 

Ob dieser Hund jemanden betraf? Er bellte vielleicht, weil er einen anderen Hund gesehen hatte. Es war aber keiner zu sehen. Vielleicht hatte er ihn gewittert – Hunde riechen besser als Menschen. Sie geben Laut, ohne dass jemand wissen kann, warum sie das tun. Das macht manche Menschen unsicher.

 

Einer könnte meinen, der Hund gäbe Laut wegen seiner Person. Der Hund belle ihn an, wahrscheinlich, weil ihm sein Anblick störte, oder sein Geruch. Es muss nicht wundern, dass mancher unsicher wird, das heißt eine Empfindung von ihm Besitz ergreift, die er nicht recht einzuschätzen vermag. Es könnte sich um eine gewisse Anfangsangst handeln, zum Beispiel, dass der Hund deshalb belle, um gleich auf ihn loszuspringen und versuchen zu beißen. Das will aber keiner zeigen, weil die Anfangsangst gänzlich unbegründet und deshalb albern sein könnte. Der Hund könnte ja plötzlich zu bellen aufhören, sich sogar abwenden und weglaufen. Dann würden andere einen für einen Angsthasen halten, was keiner will. Wer als Angsthase gilt, wird nicht für voll genommen. Deshalb ist es besser, wenn man sich nur unauffällig vorsieht. Wenn man einen winzigen, unbemerkbaren Schritt zurücktritt. Gleichzeitig kann man die Muskeln anspannen. Wer die Muskeln anspannt und gleichzeitig den Hund nicht aus den Augen lässt, ist auf der Hut vor dem, was kommen kann. Er hütet sich vor einer möglicherweise eintretenden Situation. Dass der Hund losspringt.

 

Mancher tut unbeteiligt. Er schaut den Hund nicht an, er tut zumindest so. Er dreht sich um und geht weiter. Weg vom Hund. Er tut so, als wäre der Hund gar nicht da, nicht wert, dass man ihn überhaupt beachte, man steht über der Sache. Weder Laut noch Hund sind bemerkenswert. Das macht Eindruck. Auf Hund und Mensch, auf den Menschen jedenfalls.

 

Oder einer geht sogar ruhig auf den Hund zu. Er wendet sich ihm freundlich zu, spricht mit ihm, fragt nach seinem Namen und was er denn für einer sei und warum er solche Laute von sich gebe. Eine Antwort erwartet er nicht. Er vertraut darauf, dass dem Hund ein paar aufmunternde Worte fehlen, dass man ihm vorher unangemessen, ja ungerecht begegnet ist, der Hund ein Opfer von Verhältnissen geworden ist, für die er nichts kann. Er überlegt, ob er den Hund nicht streicheln solle. Streicheln ist eine Geste des Vertrauens. Wer gestreichelt wird, bellt nicht. Darauf vertraut er. Andere bewundern ihn wegen seines Mutes und belächeln gleichzeitig seine weltfremde Gutgläubigkeit.

 

Man kann das Bellen als ungehörig, provozierend, ja boshaft empfinden, dem Hund unterstellen, er kläffe aus Trotz und Widerborstigkeit. Als habe er vergessen, wer Herr und wer Hund sei. Dann glauben manche, von der Überlegenheit des Menschen überzeugt, es sei angebracht, dem Hund forsch gegenüberzutreten. Dazu runzeln sie die Stirn, ziehen die Mundwinkel nach unten, treten auf den Hund mit festem Schritt zu, heben vielleicht sogar den rechten oder linken Arm, als hätten sie einen Stock oder einen ähnlichen Gegenstand in der Hand. Und sie geben ihm kurze, prägnante, in der Lautstärke und Lautlänge dem Bellen angemessene Befehle, des Inhalts, das Bellen sofort einzustellen. Natürlich wäre es eindrucksvoller, man könnte dem Hund mit einer Sanktion drohen, doch eine solche ist nicht in Reichweite oder dem Fassungsvermögen des Hundes nicht entsprechend. Solche Menschen fackeln nicht lange. Sie machen, Sie sind Macher. Sie lassen sich nichts gefallen, egal ob sie gefallen. Man möchte sie nicht bellen hören, sie werden aber bewundert.

 

Was der Hund denkt, weiß keiner. Er bellt.

 

Text Mai 2017

 

 

An der Kasse beim Discounter oder über die Leiden einer Kassiererin

 

Eine ca. 40 jährige Dame, gediegen gekleidet, legt ihren Einkauf auf das Band. Das Band ist voll, ihr Einkaufswagen aber noch nicht ganz leer.

 

„Ach jetzt habe ich den Salat vergessen.“ Spricht´s, drängt sich an zwei hinter ihr wartenden Kunden vorbei in den Verkaufsraum. Der Kassiererin ruft sie noch zu: „Sie können ja schon mal anfangen.“

 

Die Kassiererin beginnt einzuscannen und legt die Ware hinter der Kasse ab.

 

Ein dicker, älterer Herr in einer gestreiften Trainingshose, der nächste in der Reihe, laut: „Is ja doll, wenn des jeder macherd.“ Er schiebt demonstrativ den Einkauf der Dame zusammen und legt ein Sixbag Bier und eine Tüte Chips dahinter auf das Band.

 

Eine junge Frau, die hinter ihm steht, verdreht die Augen nach oben. Ihr ca. dreijähriges Kind, im Kindersitz des Wagens sitzend, fragt: „Mama, warum hat der Mann einen Schlafanzug an?“ Noch ehe die Mutter reagieren kann, dreht sich der ältere Herr um, zwickt das Kind mit zwei Fingern leicht in Wange und sagt mit süßlicher Stimme: „Dou hossd di edz däuschd. Des is mei Dräningshuusn. Des konnder dei Mudder ganz beschdimmd erklärn.“ Er schaut die Frau auffordernd an, das Kind verzieht das Gesicht, als wolle es jeden Moment losbrüllen. Die Mutter streicht dem Kind über den Kopf, um es zu beruhigen. „Sie hat es nicht böse gemeint. Entschuldigung.“, sagt sie an den Mann gewandt. „Ja suwoss, iich hobb dengd, des is ä Bou. Edz is des ä Maadler.“

 

Inzwischen hat die Kassiererin das Einscannen eingestellt, da der Platz an der Kasse vollständig belegt ist. Der ältere Herr: „Schmeißens halt des Zeich in derer ihrn Woong, damids weidergäihd. Iich hobb ned ewich Zeid.“ Die Kassiererin: „Das kann ich doch nicht. Da sind ja noch Waren drin.“ Der ältere Herr. „Wardens, dann räumi hald di Sachn im Woong aff aa Seidn. Dann kenners des andere Zeich neilood.“ Er beginnt im Einkaufswagen der Dame zu schlichten. „Hören Sie doch auf. Das geht doch nicht. Sie können doch nicht in fremden Einkaufswagen herumkramen.“ Die Kassiererin ist aufgestanden und beugt sich über das Band, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. „Obber wardn konni wecher der aafdaggeldn Aldn. Woss bild sie däi ieberhabbds ein!“, gibt der nun sichtlich erboste Kunde zurück, hört aber auf herumzukramen. Er schiebt den Wagen der Damen vor zur Kasse und rückt nach, die junge Frau ebenso, ferner zwei Personen, die sich inzwischen angereiht haben.

 

Da kommt die Dame schnellen Schrittes mit ihrem Salat, zwängt sich an den Wartenden mit einem gewinnenden Lächeln vorbei: „Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung. Bin schon da!“ “Des siechi. Zeid werds. Lang genuch hodds ja dauerd. Ä Frechheid is des. Vuhrher dengn!“ kommentiert der ältere Herr leise, aber vernehmbar. Die Dame überhört es, sagt noch einmal „Entschuldigung“ und „Könnten Sie etwas nach Hinten rücken, damit ich den Rest auf das Band legen kann?“ „Des aa nu. Wärns hald ned abghaud.“, gibt der Herr zurück, rückt aber widerwillig einen Meter nach hinten, damit der Einkaufswagen neben das Band gelangt, was eine Kettenreaktion nach sich zieht. Er murmelt etwas, was man nicht so genau versteht, man glaubt die Worte „aufgedaggelde Ziege“ und „Unverschämdheit“ herauszuhören.

 

Die Dame beginnt die restlichen Waren aus dem Einkaufswagen auf die Waren auf dem Band aufzutürmen, was gewisse Schwierigkeiten bereitet. Abstürze drohen. Und da passiert es. Ein Glas Peperoni fällt vom Band, dem älteren Herrn vor die Füße und zerspringt. In Scherben und Essig liegen die Peperoni „No brima homms des hiegräichd. Scheene Sauerei. Wollns ned ä neis Glas hulln? Mir sin es Wardn ja gwöhnd.“ „Ich habe es nicht absichtlich gemacht. Wenn sie mich nicht so nervös gemacht hätten, wäre das nicht passiert.“ „Edz bin wohl iich drooschuld! Iich glaab, dass du än Schlooch hossd.“ Der erboste ältere Herr ist ins beleidigungsfähige Du und in größere Lautstärke gewechselt. „Woss bildsder denn du ei? Erschd alles aafhaldn und dann nu zu bläid, es zeich affs Band zu leeng. Edz schau bloas, dassd weiderkummsd. Sunsd helferder.“ Das Kind im Einkaufswagen hat zu weinen begonnen und wird von der Mutter auf den Arm genommen.

 

Inzwischen hat die Kassiererin reagiert und um Hilfe gebeten: „Bitte Kasse 4. Bitte Kasse 4.“ Der ältere Herr wendet sich nun ihr zu: „Gäihds edz dou ämool weider, odder ned.“ Die sichtlich genervte Kassiererin mit hochrotem Kopf: „Einen kleinen Moment. Gleich geht es weiter.“ Die Dame hat begonnen hat, Scherben und peperoni mit dem Fuß zusammenzuschieben. „Bitte lassen sie. Es kommt gleich jemand.“, bittet die Kassiererin. Die Dame hält ein und macht ein Angebot Richtung Kasse, allerdings mit einem etwas sarkastischen Unterton: „Ach, nehmen sie doch den netten Herrn zuerst dran. Er hat ja nicht viel.“ Und nach einer kleinen Pause. „Nur Bier und Chips.“ „Woss iich eikaaf, gäihd dich gor nix oo!“, gibt der zurück, beginnt aber Bier und Chips vom Band zu nehmen, um sie zur Kasse zu tragen. Die Kassiererin, die inzwischen wie ein Häuflein Elend hinter der Kasse sitzt: „Bitte. Ich habe doch bei der Dame schon das Kassieren angefangen. Da müsste ich ja alles wieder stornieren. Ich bin mit der Dame jeden Moment fertig. Wenn sie noch ganz kurz warten könnten?“ „Woss? Nix. Edz moochi nimmer. Verorschd doch an andern. Iich konn mei Zeich a woanders kaafen.“ Mit diesen Worten wirft der ältere Herr Bier und Chips in den Einkaufwagen der Dame, geht an der Kasse vorbei und Richtung Ausgang.

 

„Und wo soll ich jetzt mit dem Zeug hin?“ fragt die Dame. „Liegen lassen“, antwortet die verzweifelte Kassiererin und spricht fast flehentlich ins Mikrophon: „Kasse 4, dringend Kasse 4.“

 

Text April 2017

 

Marktgerechte Sprachpantscher

Haben sie sich schon einmal gefragt, wozu ein „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ dienen soll? Befielt da der Gesetzgeber einfach per ordre Mufti, dass sich die Wirtschaft gefälligst schleunigst auf Wachstumskurs begeben soll? Geht das? Oder ist das nur dazu da, dem Wähler mit diesem Wortungetüm zu versichern, dass sich die Politiker unermüdlich um unser aller zukünftiges Wohlergehen sorgen? Immerhin hat ja dieses Gesetz ein „Kompetenzteam“ erarbeitet, in dem nicht nur gewählte Politiker sitzen, sondern vor allem die Lobbyisten aus der Wirtschaft. Denn das ist auch nötig, wenn bekannt gegeben werden muss, dass es bisweilen ein „Nullwachstum“ oder gar ein „negatives Wachstum“ gegeben habe. Beileibe keine „Schrumpfung“, wie käme man denn auf so etwas Unvorstellbares! Und dann werden die „heilenden Kräfte des Marktes“ schon reagieren, z.B. mit „Umstrukturierung“, „Synergie-Effekten“, „Verschlankung“, deren Wirkung dann die Bundesanstalt für Arbeit mit „Beschäftigungsschwund“ oder „Rückgang der Beschäftigungszahl“ umschreibt, besser nicht mit Zunahme der Arbeitslosigkeit. Da sollen sich die „Arbeitsuchenden“ dann bemühen, sich wenigstens um „nicht exponierte Berufe“, sprich schlecht bezahlte, zu kümmern und sich in eine „Leichtlohngruppe“ einzureihen, was gar nicht so leicht gelingt. Wenn sie nicht schon gleich „freie Mitarbeiter“ werden wollen, die um der Freiheit willen fast umsonst und sozial ungesichert arbeiten. „Humankapital“ sollte dabei allerdings nicht verloren gehen! Diese Mitarbeiter tragen aber so zur „Belebung des Wachstums “, also zur Stärkung des Neoliberalismus bei, während die, die noch angestellt sind, durch „Lohnpause“, „Lohnverzicht“ oder „Lohnsicherung“, d.h. dem Abbau tariflicher Sonderzahlungen, zu „Aufstockern“ werden. Die Arbeitsgeber reden dann gerne von „Eigenverantwortung“ und „Vertrauensarbeit“ durch die Arbeitsnehmer, sie meinen damit Mehrarbeit und Selbstausbeutung, das klingt aber schlecht. Einige könnten ja auch „sozialverträglich frühableben“, wenn sie mittels eines „Sozialplans“ aus dem „Arbeitsleben ausgeschieden“, also zwangsverrendet sind. Apropos, haben sie schon einmal überlegt, warum die Unternehmer „Arbeitgeber“ und die Arbeiter und Angestellten „Arbeitsnehmer“ heißen? Wer gibt und nimmt da eigentlich? Ein sprechendes Bild ist auch das des „Wirtschaftskapitäns“. Was unterscheidet einen Wirtschaftskapitän von einem tatsächlichen? Ein Bootsführer verlässt als letzter das sinkende Schiff, die anderen ziehen den beschleunigten „Vorstoß in den rückwärtigen Sektor“ vor, um den Sprachgebrauch der Militärs für eine Niederlage anzuwenden.

Diese Sprachpantschereien gelten im Alltagsleben selbstverständlich nicht. Oder haben sie schon einmal ein Schreiben ihrer Bank erhalten, dass sie „ihr negatives Eigenkapital reduzieren“ sollten? Was? Ihre Bank hat ihnen nur lapidar geschrieben, dass ihr Schuldenstand ein unverträgliches Maß erreicht hat? Und sie haben von einer Firma einen „Mahnbescheid“ bekommen, keine Ankündigung eines „Säumniszuschlags“? Ja, mit den Otto Normalverbraucher muss man schon Tacheles reden, ist ja nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

 

Text März 2017

 

 

Charme der fußgängerzone

 

Digge wambn

rolln derher

und lassn

ihre feddn

hamburgerbabier

affs pflasder falln.

 

Dou draff kummds

aa nimmer oo.

Garniern eh bloas

di grauer fleggn

von unzählige kaugummi.

 

Di babierkörb

quelln ieber

vo di broschbeggde,

di ä boor arme

deilzeidhascherln

an däi verdeiln wolln,

däi zuwiesu scho

ka zeid homm

und aafbassn mäin,

dass ihrn coffee to go

ned verschüddn denner.

 

Vo dem neonbundn

Gflimmer kräichsd

di angsd,

dass di ned

zuledzd nu

ä ebilegdischer

oonfall baggd.

 

Obber vuur dem alden

dreggerdn sandler,

der am buudn hoggd

und sein blastigbecher

naafschdreddg,

grausds di massdn.

 

Warum eigendli?

Der bassd doch

berfegd derzou!

 

Text Februar 2017

 

Aus meinem Leben - ein seltener Fall von Solidarität

 

Folgende Episode aus meinem gymnasialen Leben entbehrt nicht einer gewissen humoristischen Note, ist aber vor allem einen Einblick in die bewegten Achtundsechziger und noch dazu ein Beispiel für Solidarität und Zivilcourage. Dabei ist jedes Detail wahr, auch wenn es manchmal unglaublich klingt.

Doch nun der Reihe nach. Ich ging 1967/68 in die elfte Klasse des Willstätter Gamnasium Nürnberg. An diesem Gymnasium wurde im jenem Schuljahr ein neues Modell erprobt. Dieses Modell war, eine neues Fach auszuprobieren, das Fach Rechtskunde. Man konnte aber offensichtlich nicht einfach ein neues Fach einführen, also nahm man ein Viertel der Sozialkundestunden dafür her und behandelte das Ganze wie ein Seminar an der Uni. Da jedoch entweder die Mittel oder die Lehrer oder beides in ausreichendem Maße zur Verfügung standen, legte man zwei Klassen in jenen Rechtskundestunden zusammen und als Lehrer fungierte ein Student aus dem höheren Semester der Jurisprudenz der Uni Erlangen. Man stelle sich vor: Ein Student, bar jeder pädagogischen und didaktischen Kenntnisse, stand ca. 50 siebzehn bis zwanzigjährigen Jungen und einigen wenigen Mädchen gegenüber, von denen etliche vom 68er Geist angesteckt, sich jeder Mitarbeit verweigerten und dafür die Stunden des Rechts dafür gebrauchten, möglichst effektiv zu stören, darunter auch ich. Dies führte dann dazu, dass sich eines Tages der Chef des Gymnasiums persönlich, ein Dr. Rost, später Mitglied des Landtags, sehen ließ, um die ungehörigen Schüler zusammenzupfeifen. Offensichtlich hatte er dem Studenten auch geraten, doch öfter Extemporale zu schreiben, um uns durch Notendruck zu disziplinieren.

Wie in seinem Seminar gelernt, bestand der Unterricht aus Fallbesprechungen. Einen solchen Fall legte er uns als „Ex“ vor. Es handelte sich darum, die Besitzverhältnisse festzustellen und juristisch zu begründen, wenn eine Kunde einen Artikel in einem Geschäft kauft, der im Schaufester liegt. Diesen zahlt er an und über Nacht wird dieser aus dem Schaufenster gestohlen, zugebenermaßen etwas, was alle Tage passiert. Ich hatte natürlich keine Ahnung, wie der Fall rechtlich zu beurteilen sei, ebenso wenig meine neben mir sitzende Mitschülerin Angela. Wir saßen natürlich ganz hinten. Da es in diesem Unterricht ja sowieso nie leise war, diktierte ich meiner Nachbarin eine Fallbearbeitung, die sich weniger durch rechtskundiges Wissen, sondern durch mehr oder weniger originelle Bemerkungen hervortat. Meine Banknachbarin Angela und ich hatten also wortwörtlich denselben Text. Schon aus diesem Grund rechneten wir mit einem Sechser. Doch weit gefehlt. Als die Arbeit herausgegeben wurde, hatte ich den erwarteten Sechser, meine Nachbarin aber einen Zweier, was mich in der Einschätzung bestärkte, ein verkanntes Genie zu sein. Trotzdem konnte man den Fall natürlich nicht auf sich beruhen lassen. Nach lautstarken Protzesten meinerseits noch während des Unterrichts .“Sauerei! Frechheit! Das sieht man: Noten sind reine Repression!“ gingen wir beide, meine Banknachbarn und ich, zu jenem Studenten und die gute Angela klärte den Studenten über das Entstehen jener Prüfungsarbeit auf. Der versprach, den Fall zu prüfen. Das Ergebnis nun war, dass wir beide einen Sechser bekamen.

Dies störte uns solange nicht, bis wir eines Tages durch den Direx erfahren mussten, dass die Bewertung des Fachs Rechtskunde zur Hälfte in die Sozialkundenote eingehen sollte und dies war nun auch bei meinen sonstigen eher mäßigen Leistungen – ich hatte damals anders als Schule im Sinn, nämlich politische Agitation, Besuch des Serifes, der ersten Kleinkunstbühne Nürnbergs und natürlich das weibliche Geschlecht. Einen Fünfer in Sozialkunde konnte ich mir auf keinen Fall leisten, viele andere auch nicht.

Nach heftigen Protesten bei der Schulleitung durch Schüler, wohl auch durch Eltern, wurde beschlossen: Der Rechtskundeunterricht wird durch eine Klausur abgeschlossen. Da hätte jeder die Chance, seine Note zu verbessern. Durch die bisherigen Erfahrungen gewitzt, verhandelte eine Delegation von Schülern mit dem Fachbetreuer für Sozialkunde, dem Herrn Rost und dem studentischen Lehrer über die zu prüfenden Inhalte und erreichten tatsächlich, dass die gehassten Fallbearbeitungen nicht in der Klausur enthalten sein sollten. Diese Klausur sollte im Sozialkundeunterricht in jeder Klasse einzeln abgehalten, Aufsicht sollte der jeweilige Lehrer haben. Aus irgendwelchen Gründen erfolgte aber die Prüfung nicht gleichzeitig, sondern in zwei aufeinanderfolgenden Stunden, wobei unsere Klasse als zweite dran war und bereits nach der Pause beginnen sollte. Da für die Klausur 60 Minuten angesetzt waren, blieb die Parallelklasse während der Pause im Klassenzimmer – damit war auch eine Weitergabe der Aufgabe vermieden. Da ich jedoch dem Frieden nicht traute und wie gesagt zu jener Zeit eine gewisse aufmüpfige Ader hatte, ging ich zu Beginn der Pause ans Klassenzimmer der Parallelklasse, riss die Tür auf, entriss dem nächstbesten an der Tür Sitzenden den auf dem Tisch liegenden Angabenzettel und macht mich aus dem Staub – der Lehrer konnte ja nicht nachfolgen, er musste ja die Klasse während der Prüfung beaufsichtigen.

Und es stellte sich heraus, ich hatte mit meinem Verdacht recht gehabt. Neben anderen Fragen befanden sich zwei Fallbearbeitungen auf dem Blatt. Mit einer triumphalen Wut zeigte ich das Aufgabenblatt in der Klasse herum. Allgemeine Empörung. Und man beschloss in der Pause, die Klausur zu bestreiken und das Klassenzimmer nicht zu betreten. Wir saßen also am Gang, als der zuständige Lehrer, eine kleiner, dicker, stets schrecklich schwitzender Mensch, erschien. Er hörte sich unser aufgeregten Protest an und ich höre noch heute seine mehrmalig geäußerte Einschätzung: „Sie setzen sich ins Unrecht.“ Allerdings saßen wir schon. Er versuchte dann den Chef zu holen, aber der war nicht da. Die Klausur wurde jedenfalls nicht geschrieben.

Seltsamerweise hörte man ca. drei Wochen lang nichts – kein Besuch des Direx, keine Äußerung der Lehrkräfte. Die Klausur in der Parallelklasse wurde nicht zurückgegeben.

Schon schien die ganze Sache irgendwie in Vergessenheit geraten zu sein. Da kam ich nach zweiten Pause zugegebenermaßen zehn Minuten zu spät in den Französischunterricht. Der Französischlehrer war auch der Klasslehrer. Und wer stand in der Klasse? Seine Hoheit Dr. Rost und es war mucksmäuschenstill. „Wo kommen Sie jetzt her?“ war seine Frage an mich. „Ich war für die Schülerzeitung unterwegs.“ Damals gehörte ich tatsächlich zur Crew der Schülerzeitung und es gab für die einen gewissen Freiraum. Man konnte während des Unterrichts dann und wann verschwinden, mit der Begründung, Reportertätigkeiten nachgehen zu müssen. Meistens fanden diese im Spalter Bierstübl gegenüber der Schule statt, so auch an diesem Tag. Wider Erwarten gab sich der gute Herr Rost mit dieser Antwort zufrieden und ich setzt mich hin, gespannt was nun kommen sollte. Tatsächlich war er wegen der Rechtskundeklausur in besonderen und des Fachs Rechtskunde im allgemeinen da. Alles habe ich mir nicht gemerkt. Aber das Fazit seiner Rede weiß ich natürlich noch genau: Es hätten hier beide Seiten Fehler gemacht und deshalb verzichte man auf die Einbeziehung der Note in die Sozialkunde. So weit, so gut. Seltsamerweise blieb es still, kein Beifall, keine zustimmendes Gemurmel, keine Äußerung. „Allerdings“, so fügte der gute Dr. Rost hinzu, „gibt es Schüler, die ein ganz und gar unmögliches Verhalten an den Tag gelegt haben und durch ihre „Rädelsführerei“ eine solchen Eskalation verursacht haben Und aus diesen Gründen bekommt Herr Autenrieth einen Direktorratsverweis.“ Die Mitschüler blickten mich an. Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte, irgendwie hatte es mir die Sprache verschlagen. Ich zuckte mit den Achseln und sagte nichts. Und da geschah das Unerwartete. Unser Klassenprimus, eine schüchterne, beinahe vergeistigte Person meldete sich, stand auf und sagte. „Ich möchte auch einen Direktoratsverweis. Den Streik haben wir alle beschlossen. Ich erkläre mich solidarisch.“ Mit allem hätte ich gerechnet, nur damit nicht. Nun standen noch fünf, sechs andere auf, um ebenso eine Bestrafung für sich zu fordern. Ich habe die Reaktion des guten Dr. Rost so in Erinnerung: Er schien weder überrascht, noch beleidigt. Und er reagierte außerordentlich schnell und sicher: „Ich freue mich über die Solidarität in der Klasse. Unter diesen Umständen verzichten wir auf eine Bestrafung.“ Sprach´s, verabschiedet sich und ging.

Ich muss zugeben, dass ich eine solches Beispiel von Solidarität seither nicht mehr erlebt habe und - es hat damals meine tiefe Abneigung gegen jenen Dr. Rost zumindest etwas gemildert.

Rechtskunde wurde an bayerischen Gymnasien nie eingeführt.

Übrigens habe ich jenen Dr. Rost vor Kurzem bei einer Lesung getroffen, er ist 95 Jahre alt und geistig fit. Er konnte sich an den Namen Autenrieth erinnern, nach jedem Ereignis habe ich ihn nicht gefragt.